Mord am Hauptbahnhof: In Anstalt eingewiesen

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© APA/GEORG HOCHMUTH

Paranoid schizophrener Spanier zeigte sich vor Wiener Geschworenen krankheitseinsichtig 

Ein 22-jähriger Spanier, der am 15. Jänner am Wiener Hauptbahnhof seine ältere Schwester mit einem Küchenmesser erstochen hat, ist am Dienstag von einem Schwurgericht (Vorsitz: Claudia Zöllner) in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen worden. Der Mann war einem psychiatrischen Gutachten zufolge aufgrund einer ausgeprägten paranoiden Schizophrenie nicht zurechnungsfähig.
 
Die Entscheidung ist bereits rechtskräftig. Der 22-Jährige war mit seiner Unterbringung im Maßnahmenvollzug einverstanden.
 

Kein Vorsatz

Dem Mann konnte infolge seiner Erkrankung nicht vorgeworfen werden, die 27-Jährige vorsätzlich getötet zu haben. Er habe die Bluttat in einem Krankheitsschub begangen, meinte Staatsanwalt Martin Ortner eingangs der Verhandlung. Er zeigte den Geschworenen Fotos aus mehreren Überwachungskameras, auf denen zu sehen war, wie der 22-Jährige das Messer mit einer Klingenlänge von 20 Zentimeter hinter seinem Rücken verbirgt, ehe er auf seine Schwester lostürmt. Diese war aus London angereist, wo sie beruflich tätig war, um ihrem Bruder zu helfen, der ins Obdachlosenmilieu abgeglitten war.
 
"Es wurde gestochen, um zu töten. Es war reine Mordabsicht am Werk", sagte der Staatsanwalt. Die Bilder veranschaulichten, wie der Mann zunächst mit der rechten Hand dem Opfer in die Brust sticht, die Frau dann mit der linken Hand zu sich zieht und weiter zusticht. Die Klinge drang bis zu elf Zentimeter tief in den Körper der 27-Jährigen, Herz, Lunge und Leber wurden getroffen. Die Schwester hatte keine Überlebenschance. Sie verblutete noch am Tatort.
 

Spanier geständig

Ihr Bruder zeigte sich in der Verhandlung zur Tatausführung geständig und krankheitseinsichtig. "Ich glaube aber, es waren nicht neun Messerstiche. Sondern weniger", stellte er fest. Und weiter: "Dass ich die Schwester getötet habe, kommt auch von den Drogen, die ich konsumiert habe."
 
"Er sieht, was er angerichtet hat. Er bereut das. Er sieht ein, dass er eine Behandlung braucht. Er sieht ein, dass er sehr lange, vielleicht ein Leben lang Medikamente brauchen wird", hielt Verteidigerin Astrid Wagner fest. Seit seiner Festnahme werde der 22-Jährige entsprechend versorgt: "Bei der Polizei war er noch hochaggressiv, hat völlig wirre Angaben gemacht. Jetzt ist er sediert." Infolge der Medikamente habe ihr Mandant aber 20 bis 30 Kilogramm an Gewicht zugelegt.
 
Der ursprünglich aus Ägypten stammende Mann war im Alter von neun Jahren von einer spanischen Familie adoptiert worden. Seine leibliche Schwester wurde in weiterer Folge von derselben Familie ebenfalls adoptiert. Mit 14 traten bei ihm erstmals psychische Auffälligkeiten auf, der Bursch landete in seiner Jugend wiederholt in Pflegeeinrichtungen und Erziehungsanstalten. Dann fand er eine Lehrstelle als Koch, schloss diese auch ab und ging nach Deutschland und danach nach Tirol arbeiten.
 
Im Jänner 2019 verlor er nach vier Tagen eine Stelle als Saisonkoch in Pertisau, nachdem er ein ausgesprochen frauenfeindliches und zudringliches Verhalten an den Tag gelegt hatte. "Die Leute haben sich gedacht, er spinnt einfach. Und haben ihn rausgehaut", bemerkte dazu der Staatsanwalt.
 

Obdachlosen-Szene

Der somit beschäftigungslose 22-Jährige begab sich nach Wien und landete in der Obdachlosen-Szene am Hauptbahnhof. Nachdem er seine Adoptiveltern telefonisch um Geld gebeten und dabei äußerst wirre Angaben gemacht hatte, entschloss sich seine Schwester zur Reise nach Wien, um sich um den Bruder zu kümmern. In der Nacht auf den 15. Jänner kam sie am Flughafen Schwechat an, kurz vor Mitternacht nahm sie am Hauptbahnhof die Suche auf, wobei sie sich bei Security-Mitarbeitern nach dessen Verbleib erkundigte. Als die Securitys wenig später in der Haupthalle den 22-Jährigen wahrnahmen, hatte die Schwester ihn bereits erkannt und angesprochen. Er leugnete, die Frau zu kennen, und lief davon. Die 27-Jährige und ein Security-Mitarbeiter folgten ihm ins zweite Untergeschoß, wo sich der 22-Jährige in eine Nische vor einem Geschäftslokal zurückzog. Dass er ein Küchenmesser aus seinem Rucksack genommen hatte, sahen die beiden erst, als der Mann plötzlich auf die zehn Meter hinter dem Security stehende Schwester zulief.
 
Nach seiner Festnahme tätigte der Mann Aussagen ("Manche glauben, ich bin Gott"), die schon damals an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln ließen. Diese Vermutung bestätigte sich bei der Untersuchung durch die psychiatrische Sachverständige Gabriele Wörgötter. Diese bescheinigte dem Mann eine paranoide Schizophrenie, die von Verfolgungsideen, Größenwahn und religiösen Irrbildern geprägt ist.
 
Er selbst führte vor Gericht den Ausbruch der Krankheit auch auf die frühkindliche Trennung von seiner leiblichen Mutter zurück. Er sei deshalb "sehr traurig" gewesen und habe das "nicht verstanden". Nicht zuletzt deshalb habe er Alkohol, Marihuana und Kokain konsumiert.

erstellt am 05. November 2019, 13:22

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