Premiere für Mankers “Wagnerdämmerung"

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© Anna-M. Fiala

Im alten Telegrafenamt an der Börse feierte Mankers "Wagnerdämmerung" Premiere.

Auf über 430 Aufführungen hat es Paulus Mankers berühmte Inszenierung von "Alma" gebracht - mit Stationen von Jerusalem bis Lissabon und Los Angeles. Jetzt hat Manker einen neuen Coup gelandet. Im alten Telegrafenamt an der Börse feierte Mankers "Wagnerdämmerung" am Dienstag Abend Premiere.

Richard Wagner
Verrückt, egomanisch, überbordend und pathetisch bis zum Exzess - Impresario Paulus Manker hat 18 Jahre nach der Premiere seines Welterfolgs "Alma" den Nachfolger des Polydramas kreiert und sich dabei im Jubiläumsjahr mit "Wagnerdämmerung" auf eine kaleidoskopische Reise durch die Welt Richard Wagners begeben. Teils kryptisch, oft dunkel und stets mit großen Bildern führte das Werk die Besucher bei der Uraufführung am gestrigen Dienstagabend in eine essayistische Reflexion über den Tonsetzer und seine Weltsicht.

Dass Manker dabei selbst durchaus Parallelen zwischen dem Bayreuther Meister und sich selbst sieht, wird deutlich an seinen biografischen Notizen zu Wagner, in denen es heißt: "Er war ein Ausnahmekünstler, der alles, was er dachte, auch realisierte. Und wenn die Bedingungen dafür nicht gegeben waren, schuf er sie." Seinen eigenen Schaffensprozess verlegte Manker auch für die "Wagnerdämmerung" in die imposanten Räumlichkeiten des verwitterten K.K. Post- und Telegrafenamt am Wiener Börseplatz, in dem ab kommendem Jahr Luxuswohnungen entstehen sollen.

Nach dem Freiluftauftakt im Hof des Baus, geht es in den Unterleib des Telegrafenamtes, wo die fantastischen Räumlichkeiten im dritten Kellergeschoß zum Schauplatz einer emotionalen Reise durch die Persönlichkeitsfragmente Wagners werden. In der Schwüle der Anlage, die dank zahlreicher Fackeln von wabernden Rauchschwaden durchzogen wird, ist das bestimmende Element letztlich das Licht, das Manker und sein Bühnenbildner Gregor Samsa kongenial einsetzen, um die ohnedies beeindruckenden Gewölbe zu fragmentieren, in strahlende Höhlen oder in die industrielle Vorhölle des unterirdischen Nibelungen-Reichs zu verwandeln.

Leichen gleich hängen die Akteure zunächst in den verschiedenen Gewölben. Erst nach einer Weile erwachen diese toten Tableau vivants zum Leben und das Drama beginnt. Allerorten beginnen die Akteure mit ihren Monologen, wobei sich die Szenen und Begebenheiten wesentlich stärker als bei "Alma" überlagern und in ihrer Parallelität den Besucher schon akustisch zu überwältigen drohen. Irgendwo tropft immer Wasser, entkriechen den zahlreichen Lautsprechern Soundcollagen aus "Parsifal" und dem "Ring", wimmert, flüstert, schreit es. Der Baudelaire-Imperativ "Berauschet euch!" ist ein viel zitierter Leitfaden für den Abend. Im schier endlosen Gängelabyrinth der Katakomben wird die Desorientierung in organisiertem Chaos zum Programm.

Viele unterschiedliche Zugänge

Das Manker'sche Gesamtkunstwerk bietet in seinem überbordenden Ansatz viele unterschiedliche Zugänge, denen sich der Besucher hingeben kann. Wer seine Nibelungenchronik und die wichtigsten Lebensstationen Wagners jedoch nicht internalisiert hat, dem dürfte bei der "Wagnerdämmerung" bisweilen wenig dämmern. So vermengt Manker für seine Textcollage Briefe, Libretti und eigene Texte, wobei der große Erotomane die Beziehung Wagners zu den Frauen ins Zentrum rückt. Lamenti der verlassenen Ehefrau Minna (ätherisch von Elisabeth Lehmann interpretiert) und Liebes-Erklärungen von Neo-Gattin Cosima (wunderbar entrückt gespielt von Veronika Glatzner) stehen da an der Seite mit Wotan-Zitaten und freien Assoziationen über die Ring-Mystik. "Alma" ist hier zweifelsohne das barrierefreiere Stück.

Zweieinhalbstündige Performance
Nach einer Weile bahnt sich eine jüdische Melodie ihren Weg durch die Wucht der Wagner-Klänge. Yehuda Almagor als Ashaver, der "ewige Jude", hatte bereits zu Beginn aus Wagners unsäglichem Aufsatz "Das Judenthum in der Musik" zitiert und geht nun abermals in die Konfrontation mit dem antisemitischen Klangschöpfer. Manker inszeniert mit seinen 23, an die körperlichen Grenzen gehenden Darstellern und Tänzern eben keine Oper, sondern eine zweieinhalbstündige, vielschichtige Performance.

Am Ende findet sich dann die gesamte Besucherschaft im Fackelschein vor dem Telegrafenamt ein, um den Sarg des Meisters auf einem Pferdewagen zu den letzen Klängen aus "Parsifal" entschwinden zu sehen - Zeit fürs Abendessen. Das wird in Form eines Dinners nach historischem Bayreuth-Vorbild wieder in den Kellerräumen abgehalten.

Ausstellungs-Eröffnung am Mittwoch
Als Draufgabe zum Gesamtkunstwerk gibt es noch eine thematisch akkordierte Ausstellung zu sehen, die am heutigen Mittwochabend offiziell eröffnet wird. Hierfür haben neben Manker Ex-Künstlerhaus-Chef Peter Bogner und Florentina Welley Stars der heimischen Kunstszene zusammengetragen.

Unter den 40 Künstlern, die sich mit der Figur Wagners auseinandersetzen, finden sich klingende Namen wie Hermann Nitsch, der mit den Relikten seines "Parsifal"- Zweitagespiels vertreten ist und über Schloss Prinzendorf als sein Bayreuth philosophiert. Auch Erwin Wurm und Hans Hollein, Alfred Hrdlicka oder Heidi Baratta sind vertreten. Mit den aus den Fenstern hervorquellenden Schaumstoffarbeiten von Josef Trattner wird der Besucher bereits an der Fassade empfangen, während Reinhard Trinkler im Inneren in seine Wagner-Karikaturen sogar Manker persönlich einschummelt. So ist der Impresario mit seinem Widerpart auch ikonografisch vereint.

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erstellt am 17. Juli 2013, 10:48

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